UMARME DEIN MONSTER!
Seit vier Jahren gehe ich in eine Therapie nach Sigmund Freud. Das ist lange genug, um zu merken, dass man dort nichts «repariert» bekommt. Man bekommt vielmehr etwas zurück, das man längst besitzt: den Zugang zu sich selbst.
Am Anfang dachte ich natürlich, ich hätte einen Rucksack voller Probleme. Später merkte ich: Wir alle tragen einen. Der Rucksack ist aussergewöhnlich menschlich. Darin liegen Ängste, Wünsche, alte Szenen aus der Kindheit, kleine Verletzungen, grosse Sehnsüchte. Vieles davon ist gut verstaut, so gut sogar, dass wir oft nicht mehr wissen, was darin liegt.
Die Psychoanalyse macht etwas Eigenartiges: Sie öffnet diesen Sack langsam. Nicht mit Gewalt, eher so, als würde man die Schnüre lösen und abwarten, was herauskommt. Und dann erscheinen sie: die wilden Gestalten, die man so lange mitgetragen hat. Ein bisschen trotzig, ein bisschen verletzlich, manchmal auch ziemlich unvernünftig. In jedem von uns lebt so etwas wie ein Monster, ein ziemlich niedliches Monster genau betrachtet. Es hat Bedürfnisse, die sehr alt sind. Es fürchtet sich vor Ablehnung, sehnt sich nach Nähe, will gesehen werden und zugleich in Ruhe gelassen werden. Oft zeigt es sich nicht direkt. Es verkleidet sich. Als Ärger. Als Müdigkeit. Als übertriebene Kontrolle oder als Rückzug. Manchmal auch als Symptom.
Die Therapie besteht darin, dieses Monster nicht länger einzusperren. Man reicht ihm die Hand. Und erstaunlicherweise wird es dadurch ruhiger. Nicht weil es verschwindet, sondern weil es endlich mitgehen darf. Ja, es läuft nun neben einem her. Es stolpert gelegentlich, redet dazwischen, aber es gehört dazu.
Diese Erfahrung verändert auch den Blick auf andere Menschen. Man beginnt zu ahnen, dass jeder seinen Rucksack hat. Dass hinter mancher Härte vielleicht Angst steckt. Hinter mancher Distanz eine grosse Sehnsucht. Und hinter manchem Chaos vielleicht ein Monster, das lange keine Hand gesehen hat.
Gerade deshalb halte ich es für so wichtig, dass man seelische Prozesse ernst nimmt. Auch dort, wo sie besonders schwierig erscheinen. Auch Menschen mit psychotischen Symptomen wie ich können davon profitieren, solange eine gewisse Stabilität vorhanden ist. Wenn man die inneren Gestalten nur mit Medikamenten zum Schweigen bringt, verschwinden sie nicht wirklich. Sie warten. Medikamente können hilfreich sein, meistens sogar notwendig. Aber sie ersetzen nicht das Gespräch mit sich selbst. Wenn dieser innere Dialog ganz verloren geht, kann es passieren, dass alles umso heftiger zurückkehrt, sobald die Dosis sinkt. Dann bricht hervor, was nie verstanden wurde.
Psychoanalyse glaubt an etwas sehr Einfaches: dass es sich lohnt hinzuschauen. Dass wir wachsen können, wenn wir den Mut haben, unsere inneren Landschaften zu betreten. Dort ist nicht nur Dunkelheit. Dort sind auch Humor, Zärtlichkeit und eine erstaunliche Widerstandskraft.